Was kostet uns das?

Da war sie wieder. Die falsche Frage. Immer wieder wird sie gestellt. Warum merkt denn bloß niemand, dass sie uns nicht weiterbringt?

Doch nun mal von vorn. Sie wissen schließlich gar nicht, worum es geht.
Also: Da saß ich gestern nun vor dem Fernseher und ließ ausnahmsweise mal wieder die tägliche Meinungsmache (gelle, AKK lässt grüßen), genannt Tagesschau, über mich ergehen. Ein großes Thema war die „Konzertierte Aktion Pflege”. Die ich inhaltlich hier gar nicht kommentieren will. Na ja, noch nicht jedenfalls.

Danach gab es noch den üblichen kurzen Vor-Ort-Kommentar dazu. Sie wissen schon. Wo ein/e Journalist/in irgendwo in der Gegend rumsteht und ein paar schlaue Worte spricht. Meistens in eins von diesen großen Mikrofonen. Weil er/sie ja – auch meistens – draußen steht. Warum auch immer.

Jedenfalls kommentierte die gestrige Dame (nein, nicht in diesem Sinne gestrig. Was Sie gleich wieder denken!) das Ergebnis der Pflege-Verhandlungen relativ wohlwollend, aber auch mit dem ihr eigenen leicht spitzbübischen Gesichtsausdruck. Hm … können Frauen überhaupt spitzbübisch dreinschauen? Egal, wie dem auch sei: Der besagte Ausdruck verstärkte sich noch am Ende des Kommentars, als die Kommentatorin eben jene (viel zu) oft gestellte und absolut nicht zielführende Frage formulierte. Nämlich: Wer soll das bezahlen?

Na, schon mal gehört? Klar, oder? Manchmal lautet die Frage auch: Was kostet (uns) das? Oder ähnlich. Und sie wird immer – in Worten: IMMER – gestellt, sobald auch nur irgendein Projekt im öffentlichen Raum steht und dort diskutiert wird. Und zwar als erstes. Egal, worum es geht: Schulrenovierung, Straßensanierung, schnelles Internet, bessere Sozialleistungen. Gerade letzteres lässt die Kostenfrage so schnell hochschnellen wie kein anderes Thema. Natürlich vorrangig bei den Leuten, denen die entstehenden Ausgaben überhaupt nicht wehtun würden. Also meist diejenigen, die sich als die „Leistungsträger” unseres Landes verstehen. Sie wissen schon, wen ich meine.

Leider wird diese Frage als so selbstverständlich hingenommen, dass niemand sich daran stört. Doch muss sie immer gleich als erste gestellt werden?

Schauen wir uns das Ganze einmal näher an. Unsere Politiker schwören doch andauernd so sehr auf die Kräfte des Marktes! Vielleicht können sie davon etwas lernen. Wie machen das also “Marktwirtschaftsprofis”, wenn es um neue Geschäftsideen geht? Denn im Prinzip sind künftige öffentliche Projekte und Gesetzesvorhaben ja nichts anderes. Neuheiten auf dem Markt sozusagen.

Als Beispiel-Profi wählen wir Carsten Maschmeyer aus, den Godfather of Steuervermeidung und wundersamer Vermögensmehrung. Unter dem mache ich’s nicht, ist doch klar. Wenn der nun so in der Sendung „Die Höhle der Löwen” sitzt, lässt der sich eine Geschäftsidee vorführen und denkt: „Find’ ich klasse. Aber was kostet mich das? Kann ich mir das leisten?” Wohl kaum. Wenn Unternehmer so ticken würden, wären viele Erfindungen niemals auf den Markt gekommen.

Eher spielt sich doch folgendes in seinem Kopf ab: „Find’ ich klasse. Kann ich damit Geld machen, wenn ich in diese Idee investiere?” Oder anders, allgemeiner, ausgedrückt: „Was bringt mir das?”

Warum also machen wir es nicht genauso? Zum Beispiel beim aktuellen Pflegepaket. Und stellen zunächst einmal Fragen wie:
„Was bringt uns das? Bringt uns das voran? Als Land, als Gesellschaft. Und wenn ja, was ist es uns wert?”

Tja, warum nicht? Ganz einfach: Nur wer ein konkretes Ziel hat, kann abwägen, ob eine Idee, ein Projekt, ein Gesetz ihn auf seinem Weg voran bringt. Und was es ihm wert ist. Sehen Sie, genau das ist das Problem. Selbst wenn Sie eine Lupe, ach was rede ich, das stärkste Elektronenmikroskop aufbieten: Ziele für die langfristige Gestaltung des Landes oder gar Zukunftsvisionen für die Entwicklung unserer Gesellschaft werden Sie bei unserem politischen Führungspersonal nicht finden. Stattdessen, seit langen Jahren: Navigieren auf Sicht.

Folge: Rückständigkeit und Nachholbedarf bei (Hinweis: Es folgt eine willkürliche Auswahl. Falls Ihr persönlicher Favorit fehlt, wenden Sie sich bitte an die Regierungen der letzten 30 Jahre. Ich würde ja gern das ganze Internet vollschreiben, aber andere wollen auch mal.):
Bildung, Pflege, Internet, Straßenausbau, Umwelt- und Klimapolitik, Verkehrspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Sozialpolitik, Drogenpolitik.

Warum fragt eigentlich niemand:
Was kostet uns DAS?

 

– – –