Der Zynismus-Indikator

Da sitze ich neulich nichtsahnend vorm Fernseher und schaue die Tagesschau … und zack, klappt sie runter, meine Kinnlade. Ach, was sage ich, sie lag quasi am Boden. Ich wusste bis dato gar nicht, dass ich meinen Mund so weit öffnen kann.

Wollen Sie wissen, was mich zu dieser körperlichen Höchstleistung getrieben hat? Nun, es lief ein Bericht über die Tafeln in Deutschland. Und darin kam auch Michael Hüther zu Wort. Für alle, die ihn nicht kennen: Das ist der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Und bereits nach seinem ersten Satz war mein Unterkiefer so weit nach unten gerutscht, dass ich locker mit dem Kinn das Parkett hätte wischen können.

O-Ton Hüther: „Die Tafeln sind kein Armutsindikator. Sie sind ein Angebot für Menschen in schwierigen finanziellen Verhältnissen. Denen wird das Leben dadurch leichter gemacht, aber der Staat sorgt über die Grundsicherung, über das Sozialgeld und (…) die Ausstattung für Asylbewerber dafür, dass sie ihr Leben gestalten können.”

Da heißt es, erstmal tief durchatmen und dann versuchen, diese Aussagen möglichst sachlich zu analysieren. Auch wenn mir das wirklich schwer fällt, glauben Sie mir.

Die Tafeln sind nach Herrn Hüthers Meinung also kein Indikator für Armut in Deutschland. Schauen wir uns doch mal eine allgemeine Definition des Begriffs „Indikator” an. Der Duden formuliert es so: Etwas, was als Anzeichen für eine bestimmte Entwicklung, einen eingetretenen Zustand o. Ä. dient.

Demnach behauptet Herr Hüther allen Ernstes, dass die Existenz der Tafeln kein Anzeichen dafür ist, dass es in Deutschland Armut gibt. Da stellt sich natürlich sofort die Frage: Wenn nicht wegen Armut, warum sonst holen sich so viele Menschen ihr Essen bei einer Tafel? Wahrscheinlich sind diese Leute einfach nur zu faul zum Kochen. Oder zum Einkaufen. Oder sie sind zu geizig dazu, in ein Restaurant zu gehen. Oder alles zusammen.

So muss es wohl sein, denn die Tafeln sind ja nur ein „Angebot”. Sagt Herr Hüther. Und das nehmen die Betroffenen natürlich ganz freiwillig an. Schließlich sorgt ansonsten der Staat für diese „Menschen in schwierigen finanziellen Verhältnissen”. Sagt Herr Hüther. Damit sie ihr Leben gestalten können. Sagt Herr Hüther. Scheint ja prima zu klappen, wenn ich mich in Deutschland so umschaue. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir:
Langzeitarbeitsloser bei der Gestaltung seines Lebens verhungert – Merkel spricht Angehörigen ihr Beileid aus

Aber vielleicht meint der Chef des IW ja, dass es bei uns gar keine Armut gibt. Und ohne Armut kein Armutsindikator. Logisch, oder? Hierzulande wird der Begriff Armut ohnehin gern mal gedehnt, um nicht zu sagen weginterpretiert. Alles schließlich eine Sache der Definition.

Oder aber: Er meint, dass die Tafeln streng wissenschaftlich gesehen kein messbarer Indikator für Armut sind. Dann soll er damit aber bitteschön in einem volkswirtschaftlichen Seminar auftreten und nicht in der Tagesschau vor einem Millionenpublikum.

Immerhin wurde im besagten Bericht erwähnt, dass Herr Hüther ein „arbeitgebernaher Wirtschaftsexperte” sei. Ich weiß allerdings nicht, ob man den Arbeitgebern damit einen Gefallen getan hat. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass es nach diesen Aussagen des Herrn Hüther den einen oder anderen gibt, der sich gar nicht so nah an ihm verortet sehen möchte. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu blauäugig.

Wie auch immer.
Ob die Existenz von Tafeln ein Indikator für Armut ist, mag eine Definitionssache sein.

Die Aussagen von Michael Hüther sind jedoch unbestreitbar ein sehr deutliches Anzeichen.

Für den Zynismus unserer Eliten.

 

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