Das Märchen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern

Es war einmal ein Land, da gab es Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Eines Tages kam ein Jüngling aus der Fremde geritten und hörte davon.

„Dieser Arbeitgeber muss wirklich ein feiner Kerl sein,” dachte der Bursche bei sich. Das zeigt mir schon das Wort: Arbeitgeber. Er gibt den Menschen etwas, nämlich Arbeit. Das ist ein feiner Zug von ihm, finde ich.”

Im Gegenzug hießen die Arbeitnehmer eben Arbeitnehmer. Weil sie die Arbeit nahmen, welche die Arbeitgeber ihnen gaben. Was blieb ihnen auch übrig? Das Geben hatten ja schließlich schon die Arbeitgeber übernommen. Es schien so zu sein wie immer und überall auf der Welt: Die einen gaben, die anderen nahmen.

Doch irgendetwas störte den Jüngling an der ganzen Sache. Und so begann er, darüber nachzudenken. Gab der Arbeitgeber seinen Beschäftigten wirklich Arbeit, so wie es sein Name andeutete? Nach längerem Grübeln kam er zu dem überraschenden Ergebnis: „Es scheint mir eigentlich genau umgekehrt! Der Arbeiter gibt doch seine Arbeit und seine Arbeitskraft her! Dieser sogenannte Arbeitgeber nimmt also die Arbeit des Angestellten und gibt sie ihm gar nicht.”

Diese Gedanken verwirrten den Jüngling sehr, und er suchte einen weisen Mann auf, der sein Leben lang die verschiedensten Wissenschaften studiert hatte. Dem berichtete er von seinem Dilemma, und der Weise antwortete:
„Du hast ganz recht, mein Junge. Die Gelehrten aus der Gilde der Oekonomen wissen das schon immer: Der Arbeitgeber sucht Menschen, die ihm ihre Arbeitskraft geben. Er ist eigentlich ein Arbeitnehmer, denn er nimmt ja die Arbeit dessen, der sie ihm anbietet. Und das ist der Arbeitnehmer, er ist also in Wirklichkeit ein Arbeitgeber. In unserer Sprache ist der Sinn dieser Begrifflichkeiten jedoch vertauscht worden.”

„Das bedeutet, die Arbeitnehmer glauben nur, sie bekämen Arbeit von den Arbeitgebern? Und eigentlich ist es umgekehrt?”, fragte der Bursche.

„So ist es,” antwortete der Weise. „Deshalb meinen sie, sie müssten den Arbeitgebern dankbar sein für ihre Großzügigkeit. Und die Arbeitgeber, die eigentlich gar keine sind, haben dadurch mehr Macht und Ansehen, als ihnen zusteht.”

„Und das alles nur wegen der verkehrt gewählten Wörter? Aber das ist doch schrecklich!”, klagte der Jüngling.

„Ja, das ist es. Schlimmer noch: Dass der Sinn der Worte verdreht ist, dient den Interessen der einflussreichsten Gilde im Land, den Neoliberalisten. Sie sind die eigentlichen Herrscher. Königin und Minister dienen nur als Marionetten. Und wenn die sogenannten Arbeitgeber wie großzügige Mäzene daherkommen, während diejenigen, die ihnen eigentlich etwas geben, als Bittsteller erscheinen, hilft das den Neoliberalisten dabei, das Land weiter auszuplündern.”

Der Jüngling empfand das als große Ungerechtigkeit, die aus der Welt getilgt werden müsse. Und so versuchte er, sich mit seinem Anliegen bei allerlei Leuten Gehör zu verschaffen. Doch wohin er auch ging, überall lachten sie über ihn und verspotteten ihn: Er solle sie doch in Ruhe lassen mit seiner langweiligen Wortklauberei über Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Schließlich war er gänzlich verzweifelt. Er floh aus diesem schrecklichen Land und kehrte niemals zurück. In seiner Heimat führte er ein glückliches und langes Leben. Doch bis zu seinem Tode hörte er nie auf, die armen Menschen in dem fremden Land zu bedauern, die einer solchen Täuschung aufgesessen waren und dies nicht bemerken wollten.

 

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„Nur, wie du jetzt bist, passt du denen ganz prima ins Konzept,
die dich so haben wollten – halt als Depp.”
Aus: BAP – Wellenreiter (ins Hochdeutsche übersetzt)

 

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