Von Egomanen, Scheinheiligen und Hausfrauen-BWL

Nun haben wir es also schwarz auf weiß. Donald Trump ist nicht ganz zurechnungsfähig. Als ob wir dazu das Buch eines Enthüllungsjournalisten gebraucht hätten! Auf mich machte der Mann mit der Heino-Gedächtnis-Frisur immer schon den Eindruck eines verhaltensgestörten Egomanen in seiner frühkindlichen Trotzphase.

Allerdings finde ich es total ungerecht und auch überflüssig, mit dem Finger auf die USA zu zeigen. Denn wie präsentiert sich unser eigenes Politikerpersonal eigentlich? Ist auch da nicht jede Menge Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung, Realitätsverlust, Verlogenheit und Dreistigkeit bis hin zur Lächerlichkeit erkennbar? Von schlechtem Benehmen ganz zu schweigen. Alles Dinge, die wir an Trump bemängeln. Wer im Glashaus sitzt, sollte also nicht mit Steinen werfen.

Sie meinen, das ist alles nicht so schlimm, das kann man nicht vergleichen? Dann schauen wir doch mal etwas genauer hin.

Bei Alexander Dobrindt zum Beispiel, dem Mautmacher. Von seinen ewigen Pöbeleien in Richtung SPD will ich hier ja gar nicht reden. Nun fordert er aber eine – so wörtlich – konservative Revolution. Denn in Deutschland gebe es ja eine Vorherrschaft linken Gedankengutes. Hm … als Politiker sollte er eigentlich wissen, wer die Bundeskanzler der letzten 40 Jahre waren. Wer von denen, bitteschön, hatte denn eine auch nur annähernd linke Gesinnung? Helmut Kohl vielleicht? Wie also hätte sich unter diesen Umständen linkes Gedankengut durchsetzen sollen?
Jetzt könnte man es sich einfach machen und bei Dobrindt einen heftigen Realitätsverlust diagnostizieren. Leider dürfte es sich eher um Wahnsinn mit Methode handeln: Mit derlei Äußerungen geht er ganz bewusst auf Stimmenfang am rechten Rand. Und setzt gleichzeitig die SPD vor den Koalitionsverhandlungen unter Druck. Die ist ja eine leichte Beute, so plan- und orientierungslos wie sie momentan durch die Gegend eiert. Dafür nimmt er die Peinlichkeit seiner Äußerungen gern in Kauf, wetten?

Angela Merkel ist da allerdings auch nicht besser. Denn eins hat sie mit Dobrindt gemeinsam: Wenn es der Sache dient, macht man sich auch mal gnadenlos lächerlich. Letzten Herbst erst, als sie gemeinsam mit Horst Seehofer das Ergebnis des Flüchtlingsgipfels von CDU und CSU kundtat. Ein Ergebnis, das nicht mal mit der Lupe zu finden war.
Und Sie erinnern sich doch bestimmt noch an Muttis Aussage: „Das Internet ist für uns alle Neuland.” Wie dreist war das denn? So etwas zu einer Zeit zu behaupten, zu der das Surfen im Netz bereits so alltäglich geworden war wie Zähne putzen und Schuhe zubinden! Und das nur, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Der Dobrindt hat ja wenigstens in puncto Maut sein Wort gehalten …

Oder Martin Schulz. Obwohl, bei dem waren es echte Selbstüberschätzung und Realitätsverlust, als er vor den letzten Wahlen Anspruch auf die Position des Bundeskanzlers erhob. Und kein Kalkül. Ich bin überzeugt, der dachte wirklich, er hätte eine echte Chance. Der Arme!

Aber unser Bundespräsident, der ist doch über jeden Zweifel erhaben, oder? Naja, haben Sie mal in seine TV-Weihnachtspredigt 2017 reingeschaut? Ernsthaft, im ersten Augenblick dachte ich, ich sei in der Kirche. Frank-Walter Steinmeier kam rüber wie ein Pastor, der zu seinen verlorenen Schafen spricht. Das hat selbst den Gauck in den Schatten gestellt. Und der ist wirklich Pastor!
Dahinter steckt natürlich wieder mal Methode. Scheinheiligkeit fällt eben in solch pastoralem Gewand weniger auf. Denn wie der Steinmeier uns die negativen Folgen der neoliberalen Politik verkaufen und schmackhaft machen wollte, die er als langjähriges Regierungsmitglied in der großen Koalition selbst mit zu verantworten hat, ist schon ein starkes Stück. Allgemeiner Tenor: Ich finde es ja so toll, dass Sie, liebe Mitbürger, sich so engagieren! Was er nicht gesagt hat: Vielerorten bleibt den Menschen gar nichts anderes übrig. Weil der Staat sich immer weiter aus seiner Verantwortung stiehlt. Aber vielleicht ist das ja gottgegeben. An diesem Punkt bin ich raus, davon verstehe ich nicht so viel …

Immerhin kann er auch witzig-ironisch sein, unser Bundespräsident. Hat er doch die Meinung vertreten, Helmut Kohl sei ein Ausnahmepolitiker und ein Glücksfall für die deutsche Geschichte gewesen. Das hat er aber zum Glück nicht zu Weihnachten gesagt.

Besonders cool finde ich übrigens den Lindner. Vor allem wie der auf den Wahlplakaten 2017 rüberkam. Am besten gefiel mir das mit seinem Konterfei und dem Spruch drauf: „Wirtschaftspolitik – jetzt wieder verfügbar”. Schneidig, schneidig. Und ökonomische Erfahrung hat er ja, der Lindner. Immerhin war er mal Geschäftsführer eines Softwareunternehmens. Das allerdings leider kurz nach seinem Ausscheiden Insolvenz anmelden musste.
Dass man daraus auf wirtschaftspolitische Kompetenz schließen kann, wage ich aber zu bezweifeln. Denn Betriebswirtschaft hat nun mal ganz wenig mit volkswirtschaftlichen Fragestellungen zu tun. Auch wenn in Deutschland immer wieder so getan wird. Es ist schon lustig bis erschreckend, wie unsere Politiker (meist Juristen) versuchen, mit Hilfe ihrer selbst gestrickten Schwäbische-Hausfrauen-BWL dem Volk ihre von totaler volkswirtschaftlicher Unkenntnis durchdrungene Wirtschaftspolitik zu verkaufen. Ob der Lindner da mehr Ahnung hat? Bisher ist er mir eher nicht durch fachlich fundierte Äußerungen auf volkswirtschaftlichem Gebiet aufgefallen. Muss er ja als studierter Politikwissenschaftler auch nicht können. Nur soll er dann bitte nicht so tun.

Sie sehen, es ist gar nicht nötig, über den großen Teich zu schielen und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Und wenn, dann bitte richtig! Was durfte ich zum Jahreswechsel in der Tageszeitung meines Ver- und Misstrauens lesen? 2017 seien wir in Bezug auf Trump noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Ups, da sind dem Qualitätsjournalisten wohl ein paar entscheidende Dinge entgangen, nicht wahr?

Doch dazu mehr beim nächsten Mal …

 

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